Wir trafen Chloë Sevigny vor der Kenzo x H&M-Show in New York

Sie ist Model, Schauspielerin und Regisseurin. Wir sprachen mit ihr über ihren nächsten Kurzfilm und wie sie sich auf den roten Teppich vorbereitet.
27. Oktober 2016

Chloë Sevigny entschuldigt sich, doch sie muss etwas essen. „Es ist wirklich unhöflich”, sagt sie bedauernd. Sie packt eine Handvoll Chips und ein Sandwich aus. Sie lächelt. Dies ist ihr bevorzugtes Ritual vor einem Event. „Stärkung!“ 

Wir sitzen zusammen in einer Suite im Mercer Hotel in Downtown New York, wo sich Sevigny gerade für die Launch-Party von Kenzo x H&M vorbereitet.

Sie bleibt mindestens ein paar Wochen in New York – eine Beinahe-Pause in ihrem vollen Terminkalender. Als nächstes reist Sevigny nach Portland, um bei ihrem zweiten Kurzfilm Regie zu führen. Danach plant sie einen Aufenthalt in Florida, wo sie die nächste Saison von „Bloodline“ für Netflix dreht. In der Zwischenzeit hat sie „sechs Filme im Kasten“, die eine Reihe von Presseveranstaltungen und Premieren nach sich ziehen. 

Es ist schon ein bisschen verrückt, ein bisschen „wild“, wie sie einräumt. Doch sie atmet tief durch und richtet ihre Aufmerksamkeit auf das bevorstehende Event, ihr atemberaubendes Kleid, ihre Freunde. „Vor einem Event gehe ich gerne früh schlafen“, sagt sie. „Das ist das Wichtigste. Doch normalerweise bin ich am Abend vorher ziemlich aufgeregt, also ist es manchmal schwierig.“ Um sich zu beruhigen, versucht sie, sich nicht zu viel vorzunehmen, wenn sie weiß, dass es abends spät wird. 

„Ich gehe die Dinge ruhig an, ohne viel hin- und herzurennen“, erklärt sie, „Später mache ich mir dann gerne eine Gesichtsmaske. Eine gute Gesichtsmaske ist etwas Wunderbares.“ Sie deutet mit einer Hand auf ihr Sandwich. „Und, wie schon gesagt, esse ich gerne etwas, aus Angst, dass ich irgendwo lande, wo es nichts zu essen gibt.“ 

Auf der anderen Seite des Flurs hat sich bereits ein Team eingefunden, das Sevigny bei den Vorbereitungen hilft. „Ich habe gerne Menschen um mich, die ich mag und die mich kennen. Menschen, die dafür sorgen, dass ich mich gut fühle und gut aussehe.“ 

Sie hat sich gerade das Kleid übergezogen, das sie zur Launch-Party tragen wird. Jetzt kümmert sie sich um den Rest. Sie beschließt, ihre Haare zurückzubinden und roten Lippenstift aufzutragen. „So mache ich es meistens“, erzählt sie. „Ich habe einmal gehört, dass Rockstars und Society-Ladies immer den gleichen Look wählen, damit sie nie älter aussehen. Vielleicht ist das der Schlüssel zu ewiger Schönheit – Beständigkeit.“ 

Während sie ihr Sandwich isst und noch einen schnellen Blick auf ihre Accessoires für den Abend wirft, sprechen wir über Filme, Mode und warum sie glaubt, dass Kenzo das Beste von Amerika verkörpert.

DU HAST GERADE DEIN FILMDEBÜT MIT DER PREMIERE VON "KITTY" IN CANNES GEFEIERT. WAS HAT DICH AN DER REGIEFÜHRUNG ÜBERRASCHT? 
„Ich kann besser kommunizieren, als ich gedacht habe. Als Regisseurin musst du die Leute von deinen Ideen und deiner Vision überzeugen, du musst Begeisterung in ihnen wecken. Du musst Menschen dazu bringen, Zeit und Geld zu investieren. Ich glaube, das war meine größte Angst – ob es mir gelingen würde, andere für meine Ideen zu begeistern. Doch ich habe es geschafft!“

„Und mir ist klar geworden, dass ich viel mehr Spontaneität besitze, als mir bewusst war oder ich erwartet hätte. Als Schauspielerin improvisierst du immer ein wenig. Doch dann lernst du deinen Text und beginnst, die Rolle auf eine bestimmte Art zu spielen. Als ich am Set war, hatte ich ständig neue Ideen. In jeder Szene oder Sequenz hatte ich verschiedene Konzepte im Kopf, die ich ausprobieren wollte.“ 

NACHDEM DU SCHON AN SO VIELEN VERSCHIEDENEN SETS GESTANDEN BIST: WELCHE KULTUR WOLLTEST DU AN DEINEM EIGENEN SET PFLEGEN?
„Nun, am Set [von Kitty] gab es ein Kind, ein siebenjähriges Mädchen.“ Und Katzen. Daher wollte ich die Stimmung ganz ruhig und einfach halten. Es sollte irgendwie vornehm zugehen. Am ersten Tag trug ich einen geblümten Rock und große goldene Ohrringe. Ich wollte die Weiblichkeit am Set unterstreichen. Wir hatten am Set viele Frauen in wichtigen Rollen. Das fand ich gut. Doch ich wollte, dass die Leute behutsam und liebenswürdig sind. Katzen sind wie Babys. Sie reagieren auf Geräusche und sogar Gerüche. Ich sollte kein Parfum tragen, weil sie so empfindlich sind. Also sollte am Set eine ruhige, gelassene Atmosphäre herrschen. Auch wenn wir unter Zeitdruck waren, wollte ich, dass die Leute zu mir kommen und mit mir unter vier Augen sprechen. Es sollte unter uns bleiben. Alles sollte leicht und unbeschwert sein, die Leute am Set zufrieden und glücklich.“

BIST DU NACH DEINEM REGIEDEBÜT NUN AUF DEN GESCHMACK GEKOMMEN? WERDEN WIR NOCH MEHR DIESER ARBEITEN VON DIR SEHEN?
„Oh, mit Sicherheit. Im November drehe ich meinen nächsten Kurzfilm in Portland. Es ist die Geschichte einer Unterhaltungskünstlerin namens Carmen Lynch. Die Kurzfilme sind eine gute Übung für mich. Es ist echt spannend. Ich entdecke meinen Erzählstil, experimentiere mit Kameraeinstellungen, mit Bewegungen. Auf diese Art kann ich auf ein Repertoire zurückgreifen, wenn ich irgendwann mal einen Spielfilm drehe. Ich arbeite bereits seit 20 Jahren an Sets und habe mitbekommen, dass mit verschiedenen Objektiven und Filtern gearbeitet wird. Doch mir war nicht klar, wie wichtig diese Entscheidungen sind, oder wie sehr sie die Art und Weise beeinflussen, wie eine Geschichte erzählt wird.

DU HAST IN DEN BEREICHEN FILM, KUNST, BÜCHER UND MODE GEARBEITET. WIE ENTSCHEIDEST DU, WORAN DU ARBEITEN UND WELCHE GESCHICHTEN DU ERZÄHLEN MÖCHTEST? WAS ERREGT DEINE AUFMERKSAMKEIT? 
„Eine authentische Stimme und echte Leidenschaft und Visionen.“ Viele der TV-Filme, die ich gedreht habe, wurden aus einer bestimmten Perspektive erzählt. Das Duo hinter Portlandia, aber auch Mindy Kaling, Ryan Murphy und Louis C.K. Es fasziniert mich, wenn jemand eine echte kreative Perspektive hat.“ 

„Auch bei Carol und Humberto [dem Designer-Duo von Kenzo] und all den anderen Fashion-Kollaborationen, bei denen ich mitgemacht habe, ging es immer um echte Leidenschaft. Irgendwie mag ich Menschen, die die Regeln brechen. Sie ziehen mich an.“ 

INWIEWEIT VERKÖRPERN HUMBERTO LEON UND CAROL LIM DIESES GEFÜHL FÜR DICH?
„Sie sind meine Freunde, ich mag sie wirklich. Doch besonders gefällt mir, dass sie diesen amerikanischen Optimismus haben. Sie sind beide Kinder von Einwanderern. In gewisser Hinsicht leben sie den amerikanischen Traum, sie haben Stipendien für Berkeley bekommen und sind jetzt echte Größen auf ihrem Gebiet. Sie schließen bei ihren Prozessen alle mit ein, arbeiten sehr demokratisch. Sie glauben daran, dass sie eine Plattform haben, mit der sie Menschen helfen können, die ebenfalls etwas schaffen möchten. Das ist ihr Anliegen. Sie sind ganz besondere Menschen.“

Mich begeistern die ganzen Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Frauen im Film, Lohngleichheit. Je mehr diskutiert wird, desto besser für alle.
Chloë Sevigny

WIE WAREN DIE AUFNAHMEN FÜR DIE KAMPAGNE IN PARIS? 
„Die Arbeit mit Jean-Paul Goude war großartig.“ Er ist einer meiner Lieblingsfotografen. Ich wollte schon immer von ihm fotografiert werden. Für mich war das eine super Gelegenheit. Er ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Die Zusammenarbeit mit ihm war für mich ein Geschenk und hat viel Spaß gemacht. Am Set waren alle im Cast eher für sich. Doch wir sind einmal gemeinsam abends zum Essen ausgegangen. Als wir alle am Tisch saßen, war ich wirklich stolz, Teil einer so vielfältigen Gruppe zu sein. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen in der Modebranche diese Vielfalt zeigen. Ich bin wirklich stolz auf Carol und Humberto. Sie übertreffen sich immer selbst. Sie geben sich nie zufrieden und das bewundere ich sehr.“

WAS WAR DEINE ERSTE REAKTION AUF DIE KLEIDUNGSSTÜCKE, ALS DU SIE IN PARIS GESEHEN HAST? 
„Wirklich typisch für sie. Typisch Kenzo, superwitzig. Ich liebe Kenzo Takado, das Original. Es gibt viele Bezüge zu seiner Person und seiner Arbeit. Die Kleider mit Schleifen, die Tier-Prints und Muster – alles ist so leuchtend und lebendig. Es ist Phantasie zum Anziehen. Oft meint man ja, dass es das in der Mode nicht gibt. Es ist entweder Spaß oder Kommerz. Und diese Kollektion ist beides.“

DU STEHST SCHON SEIT JAHRZEHNTEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT, DOCH AUCH CELEBRETYS MÜSSEN MAL AUSRUHEN! WAS TUST DU, UM DICH ZU ENTSPANNEN, WENN DU GERADE NICHT KENZO X H&M FEIERST? 
„Ich bin nach Park Slope gezogen. Es ist sehr privat. Ich mag die Anonymität dort. Ich habe viel Freiheit. Ich kann total unordentlich herumlaufen, was ich in Manhattan nie tue, und den Leuten ist es egal. Es ist eine Wohngegend mit vielen Grünflächen. Wirklich sehr schön. Ich verbringe Zeit mit meinen Freunden. Ich lade sie ein. Ich tanze. Ich schalte mein Telefon aus. Das tue ich so oft wie möglich.“

MAL ABGESEHEN VON DEM KENZO X H&M-DSCHUNGEL, WAS BEGEISTERT DICH IM MOMENT? 
„Mich begeistern die ganzen Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Frauen im Film, Lohngleichheit. Je mehr diskutiert wird, desto besser für alle. Das Bewusstsein, das für diese Themen geschaffen wird, finde ich fantastisch und dringend notwendig. In der kreativen Welt herrscht echte Kameradschaft, das gefällt mir sehr.“

CHLOË SEVIGNY 

ALTER: 41

BERUF: Schauspielerin, Regisseurin, Designerin, Model

WOHNORT: Los Angeles

INSTAGRAM @chloessevigny

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