Lauren Hutton hat noch Hoffnung

„Wir befinden uns in einer kritischen Zeit, wir können die Gelegenheit jetzt beim Schopfe packen.“ Mattie Kahn spricht mit dem ungewöhnlichen Supermodel über weibliche Stärke, das Konzept Schönheit und die Sehnsucht nach Liebe.
22. September 2016

Wenn Lauren Hutton auf ihre lange und schillernde Karriere zurückblickt, kommt ihr ein Ausdruck in den Sinn, den der berühmte Fotograf Richard Avedon oft benutzt hat. 

„Es ist ‚dieser glückliche Zufall‘“, erinnert sie sich. Dieser Moment, erklärt Hutton, wenn ein unvergleichlicher Schnappschuss gelingt oder ein Gesichtsausdruck mit einem Mal genau richtig ist oder wenn eine Frau auf der Bildfläche erscheint, die Arme in die Seiten stemmt, und plötzlich bleibt allen der Atem weg. Es ist dieser Bruchteil einer Sekunde, der einen ganz normalen Moment in eine grandiose Aufnahme verwandelt. „Es musste unbedingt etwas Neues her“, sagt sie. „Wir wollten immer etwas Innovatives schaffen, eine Revolution.“ 

Dieses Ziel verfolgt Hutton in ihrer Arbeit bereits seit mehreren Jahrzehnten. Heutzutage erscheint es ihr jedoch besonders wichtig. „Wir befinden uns in einer kritischen Zeit“, erklärt Hutton. Die bevorstehende politische Wahl, die Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Frauen, die gerade auf der ganzen Welt Machtpositionen einnehmen – „wir können die Gelegenheit jetzt beim Schopfe packen.“ 

Und der Star der H&M-Herbstkampagne hat keineswegs vor, sich an den Rand des Spielfelds zu stellen und einfach nur zuzusehen. Es ist natürlich längst allen klar. Aber trotzdem sei hier noch einmal gesagt: Lauren Hutton ist alles andere als ein Mauerblümchen. 

WER HAT IHNEN GEZEIGT, WIE STARK MAN ALS FRAU SEIN KANN?
„Diana Vreeland, die Chefredakteurin der Vogue. Sie hat ein sehr schönes Magazin geleitet, das die verschiedensten Menschen angesprochen hat, was unheimlich wichtig ist. Auf einmal konnte jeder sehen, was Style und Fashion und Schönheit ist – nicht nur in der Mode, sondern auch in der Welt, in der Kunst. Sie hat uns einfach alle Arten von Schönheit gezeigt und in jeder Preisklasse. Sie hatte einen einzigartigen Blick für die Dinge. Ich war 21 Jahre alt, als ich sie kennengelernt habe. Und total überwältigt.“ 

WER VERKÖRPERT FÜR SIE WEIBLICHE MACHT?
„Die Frauen an der Macht! Hillary Clinton, die ungefähr 400 Mal mehr Erfahrung und Kompetenz für diesen Job mitbringt als irgendein Kandidat vor ihr. Angela Merkel in Deutschland. Christine Lagarde, die Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds. Mächtige Frauen in Tansania, in Afrika.“ 

Manchmal fühle ich mich attraktiv und manchmal richtig hässlich, das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben.
Lauren Hutton

WANN HAT SIE ZULETZT ETWAS RICHTIG BERÜHRT?
„Als Tilda Swinton [bei den CFDA Awards im Juni] den Fashion Icon Award für David Bowie entgegengenommen hat. Sie hat diesen brillanten, überwältigenden Brief an David geschrieben und dabei das Pronomen ‚wir‘ verwendet. Viele meiner eigenen Gedanken und Empfindungen kamen darin zum Ausdruck, und ich glaube, auch vielen anderen im Saal hat sie mit diesem Brief sehr aus der Seele gesprochen. Es war ein sehr bewegender Moment, der mich zu Tränen gerührt hat. Sie hat keine Klischees verwendet. Sie hat einfach zu David gesprochen, im Namen von uns allen.“ 

WANN MUSSTEN SIE DAS LETZTE MAL LACHEN?
„Ich lache jeden Tag. Anders würde ich gar nicht überleben. Ich versuche, mich gerade an das letzte Mal zu erinnern, aber ich glaube, ich weiß es gar nicht mehr. Wahrscheinlich war ich allein.“ 
WANN IST IHNEN ZUM ERSTEN MAL KLAR GEWORDEN, DASS SIE SCHÖN SIND?
„Schönheit ist etwas Vergängliches. Und wir definieren sie ständig neu. Als plötzlich Magazine mit meinem Bild vorne drauf erschienen und ich das im Vorbeigehen auf der Straße sah, bin ich durchaus stehen geblieben und habe gedacht: ‚Mannomann! Die sieht aber verdammt gut aus, oder?‛ Und dann habe ich mich gut gefühlt. 

Doch schon am nächsten Tag bin ich vielleicht an einem Spiegel vorbeigekommen und fand, dass ich vollkommen lächerlich aussah. Manchmal fühle ich mich attraktiv und manchmal richtig hässlich, das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Dazwischen geht es hin und her.“ 

WO SIND SIE AM GLÜCKLICHSTEN?
„Im Bett oder im Busch. Wenn ich mit jemandem im Bett war, war ich aller Wahrscheinlichkeit nach bis über beide Ohren verliebt. Und im Busch habe ich die wildesten Orte kennengelernt. Ich bin quer durch Afrika gereist. Als ich bei Jägern und Sammlern gelebt habe, war ich sehr glücklich. Das war das reinste Paradies, zurück zu unseren Wurzeln. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, von echten Menschen umgeben zu sein – frei von Fassaden, frei von Gaukeleien.“ 

WORIN FÜHLEN SIE SICH AM WOHLSTEN?
„In Kleidungsstücken, die den Test der Zeit bestanden haben. Ich mag Sachen, die zu alten Freunden geworden sind, tausendmal gewaschen, wieder und wieder getragen. Für mich ist das jedenfalls so. Aber ich glaube, den meisten anderen geht das ähnlich. Man muss seine Proportionen kennen und erst mal herausfinden, worin man gut aussieht. Und dann muss man sich daran halten. Es dauert ein bisschen, bis man seinen eigenen Stil gefunden hat. Aber das kommt schon. 

Man fängt an zu überlegen: ‚Wofür bekomme ich Komplimente? Welche Farben geben mir ein gutes Gefühl? Was steht mir?‘ Das muss man sich genau anschauen und merken, aber ich habe schneller gelernt als die meisten anderen, weil ich mich jetzt schon seit so vielen Jahren jeden Tag damit beschäftige. Aber darum geht es im Grunde – was sieht speziell an mir gut aus. Wir haben alle unterschiedliche Proportionen. Und die verändern sich auch noch die ganze Zeit! [Lacht.] Man muss echt aufpassen!“ 

Ich gehe nie ohne meine Handtasche aus dem Haus, ich trage seit fast 45 Jahren dieselbe.
Lauren Hutton

WAS HABEN SIE IMMER DABEI, WENN SIE AUS DEM HAUS GEHEN?
„Meine Handtasche, ich trage seit fast 45 Jahren dieselbe. Es ist ein kleiner Rucksack, den ich in Malaysia bekommen habe. Von einem Eingeborenen aus einem künstlerisch veranlagten Stamm. Dort stellt jeder Mann seine eigene Tasche her. Und ich habe eine bekommen. Ich verstaue jeden Tag dieselben Sachen darin: Schlüssel, Handy, Stift, Papier, mein eigenes Make-up – ich stelle nämlich mein eigenes Make-up her –, Brille, Pass. Das ändert sich nie. Ich habe eine einzige Tasche, und deshalb verliere ich auch nie etwas.“ 

WAS GIBT IHNEN HOFFNUNG?
„Die Möglichkeit, dass wir uns im letzten Moment selbst retten und einen Weg finden, ein ausgeglichenes Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen herzustellen. So ist das von Natur aus vorgesehen. Fifty-fifty. Wir bewegen uns darauf zu, aber dieser Prozess braucht Zeit. Es ist schwer, von Privilegien abzusehen, aber ich habe viele intelligente junge Männer kennengelernt, die von klugen Müttern aufgezogen wurden. Deshalb habe ich Hoffnung. Aber wir müssen abwarten und sehen, was passiert.“ 

WONACH SEHNEN SIE SICH?
„Nach sehr wenig. Ich hatte viel Glück in meinem Leben. Ich habe fast alles bekommen, was ich mir jemals gewünscht habe. Ich sehen mich nach Liebe, aber auch die habe ich und werde sie weiterhin haben. Von daher will ich wohl einfach Liebe, die von Dauer ist. Ich will nicht, dass sie irgendwann aufhört. Ich möchte lieben und geliebt werden. Das wollen wir alle. Das brauchen wir alle.“ 

WAS WAR IHR GRÖSSTER SIEG BISHER?
„Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber vermutlich die Tatsache, dass ich mein eigenes Geld verdient habe und nie auf einen Mann angewiesen war. Diese Idee wurde mir nicht in die Wiege gelegt, aber ich habe meinen Weg gefunden. Gott sei Dank.“

Lauren Hutton gehört zu den Stars der diesjährigen H&M-Herbstkampagne.

 

LAUREN HUTTON

ALTER: 72

BERUF: Model und Schauspielerin 

WOHNORT: Los Angeles und New York

Lauren Hutton is one of the stars in H&M’s Autumn Fashion campaign.

 

LAUREN HUTTON

AGE: 72

OCCUPATION: Model and actress 

LOCATION: Los Angeles and New York

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