Richard Quinn gewinnt den H&M Design Award 2017

Seine Mischung aus Demi Couture, Materialien wie aus den 60ern, einem ethischen Ansatz und einem Hauch von Düsterkeit hat Richard Quinn den H&M Design Award 2017 eingebracht. Kurz nach der Bekanntgabe haben wir mit ihm gesprochen.
17. November 2016

Was mit über 500 Bewerben von 40 verschiedenen Ausbildungsinstituten begann, wurde nach und nach auf acht außerordentlich talentierte Finalisten im Wettbewerb um den H&M Design Award 2017 eingestampft. So hart die Entscheidung auch war, gestern Abend in London war es dann endlich so weit: Vor der versammelten internationalen Presse verkündete Ann-Sofie Johansson, Kreativberaterin für H&M und Vorsitzende der Jury, dass der Preis 2017 an Richard Quinn gehe.

„Ich bin völlig aus dem Häuschen“, sagte Richard im Anschluss an die Bekanntgabe, „aber auch ziemlich überrascht, denn meine Mode würde ich eher als Demi Couture bezeichnen. Es sind zwar auch sehr ausgefallene Stücke dabei, aber die lassen sich durchaus auch schlichter stylen und sind absolut alltagstauglich. Immer noch Statement-Stücke, aber auf keinen Fall zu krass.“

Die erwähnten Stücke umfassen u. a. ein geblümtes Kleid mit New-Look Silhouette, das mit funkelndem Hahnentrittmuster in Schwarz-Weiß kontrastiert wurde, folienbeschichtete Einzelteile und ein mit fuchsienfarbigen Blüten übersäter Einteiler. Dazu ein paar markante Schultern wie aus den 80ern und glatter schwarzer Lack, und fertig war die düster dekadente Kollektion. Eine Jurorin war auf Anhieb begeistert:

„Für mich hat sich Richard ganz klar hervorgetan. Als ich in den Showroom kam, war ich von seinen Entwürfen sofort magisch angezogen“, sagte Yasmin Sewell, Fashion Director bei Style.com. „Nachdem ich ihn dann kennengelernt hatte und ihn von seiner Vision und all den nachhaltigen Elementen erzählen hörte, fiel mir außerdem auf, dass er nie von sich, sondern immer nur von dem Team sprach. Vor allem aber hat er es geschafft, wirklich tolle, tragbare und relevante Mode zu kreieren. Der Trenchcoart, die wunderschön bestickte Tasche mit den passenden Schuhen dazu ... Ich finde, er hat wirklich etwas ganz Besonderes. Er wird es noch weit bringen, davon bin ich hundert Prozent überzeugt.“

Sei für irgendwen alles anstatt einfach nur irgendwas für alle
Zanita Whittington

Mit dem Award erhielt der Absolvent des Central Saint Martins aus dem Südosten von London ein Preisgeld von 50.000 Euro, ein einjähriges H&M-Mentorat und die Möglichkeit, Kernstücke seiner Kollektion für den Verkauf bei H&M weiterzuentwickeln. Dieses Jahr bestand die Jury neben Ann-Sofie Johansson und Yasmin Sewell auch aus Imran Amed (Gründer, Geschäftsführer und Chefredakteur von Business of Fashion), Pernille Teisbaek (Gründerin und Creative Director von Social Zoo), Zanita Whittington (Creative Director von Azalle und Zanita Studio) und Margareta van den Bosch (Kreativberaterin für H&M).

Als Begründung für ihre Entscheidung erklärte die Jury, Richard Quinn habe einfach das ganze Paket abgeliefert – Kreativität, technische Fertigkeiten und eine ethische Herangehensweise –, und er verfüge über das Potenzial, eine erfolgreiche Marke ins Leben zu rufen. Während er die Nachricht von seinem Sieg noch verdaute, erinnerte Richard sich an die Anfänge seiner Leidenschaft für Fashion: „Mit 14, 15, als ich mir zum ersten Mal Zeitschriften wie die Vogue und das Pop Magazin gekaufte habe, fing ich an, mich so richtig für Fashion zu interessieren. Aber die Bilderwelt der Mode fand ich schon immer toll. Tim Walker ist für mich der Größte aller Zeiten, er bildet Fantasien ab, die ich unheimlich ansprechend finde.“ 

WAS WIRST DU NACH DEINEM SIEG ALS ERSTES TUN?
„Meine Familie anrufen!“

ERZÄHL UNS EIN BISSCHEN VON DER KOLLEKTION, DIE DU DER JURY VORGESTELLT HAST.
„Im Grunde ging es darum, traditionelle Bilder aus den 60ern heraufzubeschwören – die Blumen und Polsterstoffe – und ihnen eine etwas düstere Note zu verleihen. Losgelöst von diesem Kontext sollten die einzelnen Kleidungsstücke aber auch im wirklichen Leben tragbar sein.“

DIE JURY LOBTE VOR ALLEM DEINE „ETHISCHE HERANGEHENSWEISE“. WIE GENAU HAST DU DIESEN ANSATZ IN DEINER ARBEIT UMGESETZT?
„Meine Masterarbeit wurde von Stella McCartney gesponsert, und dadurch angeregt habe ich mir Vorträge angehört und bin mit Dingen in Berührung gekommen, die mich in Bezug auf eine ethische Arbeitsweise wirklich aufgeklärt haben. Plötzlich habe ich erkannt, wie viel Schaden in der Fashionbranche angerichtet werden kann. Aus diesem Grund wurde meine gesamte Kollektion unter ethischen Bedingungen produziert. Sämtliche Materialien wurden in London bedruckt, um einen möglichst geringen CO2-Ausstoß zu gewährleisten. Bei der Herstellung der Lackelemente kam keinerlei Leder zum Einsatz, stattdessen wurde ein spezielles Tauchverfahren verwendet, durch das die Kleidung denselben Effekt bekommt.“

HAT DIR JEMAND AUS DER JURY RATSCHLÄGE ODER WEISE WORTE MIT AUF DEN WEG GEGEBEN?
„Meine Begegnung mit der Jury war ein unglaublich tolles Erlebnis und hat mir das Konzept von Fashion als Geschäftsmodell nähergebracht, vor allem in den Gesprächen mit Imran. Aber die Jury hat mich auch darin bestärkt, meiner Ästhetik treu zu bleiben, sie nicht zu verwässern und weiterhin intelligente Mode zu kreieren, die die Leute tragen wollen. Das habe ich auch schon ganz gut hingekriegt, aber jetzt können wir noch weiter gehen.“

WAS STEHT FÜR DICH ALS NÄCHSTES AN?
„Wir werden eine Druckwerkstatt eröffnen, denn ich bin nicht nur Damenmodedesigner, sondern auch Print- und Textil-Designer. Dort werde ich u. a. ethisch produzierte Druckarbeiten und Textilien zu erschwinglichen Preisen anbieten, die junge Designer in London für ihre Arbeiten nutzen können. Außerdem hoffe ich, dass ich nächstes Jahr eine neue Kollektion präsentieren kann!“

Yasmin Sewell, Zanita Whittington and Pernille Teisbaek.

DIE PROFIS ERKLÄREN, WIE MAN ALS FASHION-DESIGNER ERFOLG HAT
„Man braucht eine einzigartige Vision, die aber gleichzeitig relevant sein muss und nicht am Markt vorbeigehen sollte. Man muss wissen, was im Moment funktioniert und was die Leute wollen, sich also irgendwie auf den Zeitgeist eintunen.“ – Yasmin Sewell.

„Man braucht Ausdauer und muss seine Nische finden. Sei für irgendwen alles anstatt einfach nur irgendwas für alle, lautet das Motto.“ – Zanita Whittington

„Das Wichtigste ist eine starke Identität, der man absolut treu bleiben sollte. Im nächsten Schritt geht es darum, sie zu vermarkten. Man sollte sich gut überlegen, wie man seine Marke entsprechend in Szene setzt.“ – Pernille Teisbaek.

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